Ivan Illich
Zu
Illichs Tod am 3. Dezember 2002 (PDF)
Ivan Illich, 1926 in Wien geborener Kultur- und
Gesellschaftskritiker, schrieb 1975 "Die Nemesis der Medizin". 1995 hat er für
die 4. Auflage ein Vorwort und ein Nachwort verfaßt. Er hat (laut Dr. Stefan
Lanka) einer Neuauflage aber nur zugestimmt, um "jemandem einen Gefallen zu
tun", und will ansonsten nichts mehr mit diesem Werk zu tun haben! Hintergründe
zu dieser Haltung finden sich hier!
Zitate aus Die Nemesis der Medizin" (4. Auflage, deutsche Fassung)
Wollte man der Arzneimittel-Industrie die Schuld an der
Medikamentensucht anlasten, so wäre dies ebenso unsinnig, als wollte man die
Mafia für den illegalen Drogenkonsum verantwortlich machen. Die heutige
Erscheinung des Überkonsums von Drogen - seien es wirksame Heilmittel oder
Anodyna, verschreibungspflichtige Artikel oder Bestandteil der täglichen
Ernährung, kostenlos verteilt, käuflich erworben oder gestohlen - ist nur als
Folge einer Gesinnung zu erklären, die sich bisher in jeder Kultur entwickelt
hat, wo der Markt für Konsumgüter einen bedrohlichen Umfang erreicht hat.
Diese Erscheinung wird bestimmt durch die Ideologie jeder an grenzenloser
Bereicherung orientierter Gesellschaft - ganz gleich ob deren
Industrieprodukte nach eigenmächtiger Maßgabe von Planern oder durch die
Kräfte des Marktes verteilt werden. In einer solchen Gesellschaft sind die
Menschen davon überzeugt, daß im Bereich der Gesundheitspflege wie auch auf
allen anderen Gebieten menschlichen Strebens die Technik dazu dienen könne,
die Lebensbedingungen des Menschen in beinah jeder Richtung zu verändern.
(S. 53)
Ich behaupte nun, daß
der Laie, und nicht der Arzt, potentiell den Überblick und tatsächlich die
Macht besitzt, der heutigen iatrogenen Epidemie ein Ende zu setzen.
(10)
Ein professionelles, auf
die Person des Arztes abgestelltes Gesundheitssystem, das sich über gewisse
Grenzen hinaus entwickelt hat, macht aus drei Gründen die Menschen krank: es
produziert zwangsläufig klinische Schäden, die schwerwiegender sind als sein
potentieller Nutzen; es kann die politischen Verhältnisse, die die
Gesellschaft krank machen, nur begünstigen - auch wenn es sie zu verschleiern
sucht; und es nimmt dem Einzelnen die Fähigkeit, selbst zu gesunden und seine
Umwelt zu gestalten. Die heutigen Medizinsysteme haben die Grenzen dessen,
was erträglich ist, bereits überschritten. (15)
Die Medizin ist ein moralisches
Unternehmen und bestimmt daher zwangsläufig den Inhalt der Worte "gut" und
"schlecht". In jeder Gesellschaft definiert die Medizin, genau wie Gesetz und
Religion, was normal, angemessen oder wünschenswert ist. Die Medizin besitzt
die Autorität, die Beschwerden des einen als legitime Krankheit zu
etikettieren, den zweiten für krank zu erklären, obwohl er gar nicht über
Beschwerden klagt, und dem dritten die soziale Anerkennung seines Leidens,
seiner Schwäche und sogar seines Todes zu verweigern. (35)
Diese Spielregeln verbieten natürlich,
daß jemand aus dem Spiel ausscheidet und auf eigene Faust stirbt, ohne sich um
den Schiedsrichter zu kümmern. Der Tod ist nur noch als sich selbst
erfüllende Prophezeiung des Medizinmannes zulässig. Durch die
Medikalisierung des Todes hat sich das Gesundheitswesen zu einer
monolithischen Weltreligion entwickelt, deren Dogmen in Pflichtschulen gelehrt
werden und deren ethische Regeln zur bürokratischen Restrukturierung der
Gesellschaft eingesetzt werden: Sexualität ist mittlerweile Unterrichtsfach,
und die gemeinsame Benützung eines Löffels ist aus hygienischen Gründen
verpönt. (148)
Ehedem war
derjenige am besten gegen den Tod geschützt, den die Gesellschaft zum Tode
verurteilt hatte. Die Gesellschaft fühlte sich bedroht, wenn der Mann in der
Todeszelle seinen Gürtel nahm und sich erhängte. Die staatliche Autorität
fühlte sich bedroht, wenn er sich vor der festgesetzten Stunde das Leben nahm.
Heute ist es der Kranke im kritischen Stadium, der am besten dagegen geschützt
ist, selbst die Umstände seines Sterbens zu bestimmen. Die Gesellschaft,
vertreten durch das Medizin-System, entscheidet, wenn und nach welchen
Demütigungen und Verstümmelungen er sterben darf. Die Medikalisierung der
Gesellschaft hat hat die Epoche des natürlichen Todes ihrem Ende zugeführt.
Der westliche Mensch hat das Recht verloren, beim letzten Akt selbst Regie zu
führen. Gesundheit, die autonome Kraft der Lebensbewältigung, ist bis zum
letzten Atemzug enteignet. Der mechanisierte Tod hat alle anderen Todesarten
besiegt und vernichtet. (149)
Die Iatrogenesis ist nur einzudämmen, wenn sie als ein Aspekt unter
anderen der destruktiven Herrschaft der Industrie über die Gesellschaft, als
nur ein Beispiel jener paradoxen Kontraproduktivität begriffen wird, die heute
in allen wichtigen Bereichen des Lebens in Erscheinung tritt. Wie die
zeitraubende Beschleunigung des Verkehrs, die verblödende Erziehung an den
Schulen, die selbstzerstörerische militärische Verteidigung, die irreführenden
Informationen der Medien oder der Menschen entwurzelnde Wohnungsbau, so ist
auch die pathogene Medizin eine Folge der industriellen Überproduktion, die
das autonome Handeln lähmt. (150)
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