In ihren Mitteilungen 3/97 veröffentlichte die Deutsche Gesellschaft
für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde eine Stellungnahme über
"Komplementäre Verfahren in der Zahnheilkunde". Quintessenz dieser
immerhin vier Seiten langen Einlassung ist die Erkenntnis, daß
"etliche alternativmedizinische Vorstellungen so weit außerhalb des
derzeitigen wissenschaftlich begründeten Erkenntnisstandes (liegen),
daß die Wahrscheinlichkeit für ihre Richtigkeit als vernachlässigbar
anzusehen ist. … Das beharrliche Festhalten der Protagonisten der
alternativen Medizin an ihren Vorstellungen trotz aller begründeten
Einwände hat Aspekte des Glaubens."
Der aktuelle Streit um die Wissenschaftlichkeit ganzheitlicher
Methoden läßt Erinnerungen wieder hochkommen.
Lesen Sie im Folgenden:
o Die zeitlose Glaubensgeschichte
Vor einiger Zeit entdeckte ein junger Mediziner ein neues Verfahren,
mit dem er die Nebenwirkungen und Risiken bisherigen medizinischen
Vorgehens erheblich minimieren konnte. Nachdem er reichlich
Erfahrungen mit seiner Methode gesammelt hatte, meldete er einen
Vortrag für den nächsten medizinischen Kongreß an. Ein ehrenwerter
Tagungsleiter kündigte seinen Vortrag an. Unter den 800 Zuhörern
waren der Vater und mehrere "Kollegen und Freunde", die sich bei ihm
vor Ort von der Richtigkeit seiner Methode und seinem
durchschlagenden Erfolg überzeugt hatten.
Der Referent begann seinen Vortrag mit der Sicherheit des Wissenden. Nach einiger Zeit jedoch rückte der Tagungspräsident unruhig und hilfesuchend auf dem Sessel hin und her. Offensichtlich war ihm der Inhalt des Vortrages nicht geheuer. Er suchte Verstärkung seiner ablehnenden Meinung im Auditorium. Der Referent schloß seinen Vortrag mit den Worten "…, so daß ich es mit dieser unschädlichen Methode in der Hand aus ideellen, moralischen und strafrechtlichen Gesichtspunkten für nicht mehr erlaubt halte, die bisherigen gefährlichen Maßnahmen da anzuwenden, wo wir mit der neuen Methode ausreichend gute Ergebnisse erzielen".
o Wahrheitsfindung per Abstimmung
Der Referent berichtete später:
"Es erhob sich ein Sturm der Entrüstung, der mich beinahe umgeworfen
hätte, so verblüfft war ich". Der Präsident läutete lange die
Glocke. Als sich das Getöse einigermaßen gelegt hatte, sagte er:
"Meine Herren Kollegen, wenn uns solche Dinge entgegengeschleudert
werden, wie sie in dem Schlußsatz des Vortragenden enthalten sind,
dann dürfen wir von unserer Gewohnheit, hier keine Kritik zu üben,
wohl abweichen, und ich frage die Versammlung: Ist jemand von der
Wahrheit dessen, was uns hier eben entgegengeschleudert worden ist,
überzeugt, dann bitte ich, die Hand zu heben."
Nicht eine Hand hob sich. Hätte der junge Kollege nicht erwarten
können, daß einer der Augenzeugen der "Kollegen" und der "Freunde"
sich gemeldet hätte? Hätten sie sich nicht als Zeugen benennen
müssen? Hätten nicht vier oder fünf von ihnen genügt zur
Verteidigung der Richtigkeit der Aussagen? Sie schwiegen, weil sie
der demagogisch erzeugten Mehrheitsbildung nicht entgegentreten
wollten. Der junge Kollege bat noch einmal ums Wort, um den Zuhörern
coram publico die Wirkung seiner Methode vorzuführen. Allein der
Präsident verweigerte ihm dieses Ansinnen.
In den Zeitungen konnte man lesen: "Der also Gekränkte verließ gedemütigt den Saal". Als er unterhalb des Gebäudes auf einer Terrasse stand, lief ein einziger von den 800 Kollegen ihm nach. Er sagte entsetzt: "Junger Herr Kollege, ich weiß nicht, ob Sie recht haben mit dem, was Sie erfunden haben. Aber sollte das der Fall sein, so ist das, was sich eben hier abgespielt hat, das Unerhörteste, was sich je in der Wissenschaft zugetragen hat." Sein alter Vater, der das ganze Geschehen im Hörsaal hatte miterleben müssen, tröstete seinen Sohn. "Glaube mir, mein Sohn, wem so schweres Unrecht geschieht, dem wird die Mühe erspart, sich zu verteidigen. Das nehmen Dir einmal andere ab. Arbeite ruhig weiter." Und so arbeitete er weiter und bot zum nächsten Kongreß sein Verfahren in der Höhle des Löwen in der Universitätsklinik als Demonstrationsvortrag an. Von den ehedem 800 anwesenden Mitgliedern des Kongresses erschienen zu dieser Vorführung nicht einmal 30. Und doch hat ihn dieser unerschrockene Gang in die Höhle des Löwen erst eigentlich aufgerichtet, denn es ereignete sich eine Szene ganz eigener Art.
o Form vor Inhalt
Der Ordinarius und Klinikchef überprüfte das Ergebnis des Verfahrens
und rief mit baltischem Pathos: "Wenn dies hier nicht so ist, wie
unser junger Kollege behauptet, dann lasse ich mich hängen." Ein
sehr bekannter Kollege des gleichen Fachs, der zugegen war, wandte
sich ab und meinte: "Aber so macht man doch so etwas nicht". Er
verlangte das "Schema F". Der von der Richtigkeit der Methode
überzeugte Ordinarius und Klinikchef sagte daraufhin dem jungen
Kollegen ins Ohr: "Antworten Sie dem alten . . . doch nicht; er ist
blind und taub und von Gott verlassen!" Der Kongreß aber, ja der
Kongreß schwieg. Die Methode breitete sich aus, doch die offizielle
Medizin schwieg ihn tot. Seine Bücher fanden keinen Verleger, seine
Worte verhallten in der medizinischen Wüste.
o 10 Jahre bis zur Anerkennung
Kurz, es dauerte noch 10 Jahre, bis eine Wende eintrat. 10 Jahre
wurde ein Verfahren boykottiert, das Tausenden von Kranken und
Unfallopfern Schmerzen ersparen konnte, wie die Patienten dieses
Arztes und einiger anderer Ärzte längst wußten. Nach 10 Jahren
raffte sich endlich ein großartiger, ein wahrer Kollege und
einflußreicher Professor auf und trat überraschend vor denselben
Kongreß und berichtete über viele tausende von Behandlungen mit dem
Verfahren unseres so geschmähten Arztes.
Ein Wort der Entschuldigung oder der Sühne ist bis auf den heutigen
Tag nicht ausgesprochen worden. Im Gegenteil wirkte die vom
ehemaligen Sitzungspräsidenten in Sekundenschnelle in die Welt
gesetzte Legende und blieb selbst danach noch im Schwange. Er gab
vor, unser Referent habe jedem mit dem Staatsanwalt gedroht, der
sich noch erdreiste, die alten Techniken und nicht seine neuen
anzuwenden. Statt dessen bemerkte man nun das Phänomen
nachträglicher Widerstandskämpfer. Es gab einige - oder waren es
weit mehr - die sagten, sie seien von Anfang an von der Richtigkeit
dieser Methode überzeugt gewesen. Nur hatten sie es nie gesagt. Es
ist das Phänomen der plötzlichen Herausbildung "alter Kämpfer".
Diese widerliche Form intellektueller Unredlichkeit erleben wir bis
auf den heutigen Tag. Auch die Neuzeit wird weiterhin vom geistigen
Mittelalter und geistiger Mittelmäßigkeit beherrscht.
o Wer war's?
Die Methode, um die es in dieser Geschichte ging, war weder die
Homöopathie, noch die Elektroakupunktur-Diagnostik, noch die
Bioresonanztherapie. Es war die Erfindung der Lokalanästhesie durch
den genialen Arzt Carl Ludwig Schleich,
der 1892 versuchte, seine
Erkenntnisse vor dem Chirurgenkongreß in Berlin der Öffentlichkeit
bekanntzumachen. Abgebügelt wurde er vom Präsidenten Adolf Heinrich
von Wardeleben, einem berühmten Chirurgen seiner Zeit. Sein erster
Gönner wurde Ernst von Bergmann, ein großer Chirurg, der sich um
Asepsis, Kriegs- und Hirnchirurgie verdient gemacht hatte. Der
Ordinarius, der in der Methode Schleichs sein Operationsschema nicht
erfüllt sah, war kein Geringerer als Friedrich von Esmarch,
ebenfalls berühmter Chirurg der damaligen Zeit in Kiel. Der Mann,
der C. F. Schleich zum Durchbruch verhalf, war Prof. Dr. med. Johann
von Mikulicz-Radecki von der Universität Breslau.
o Dummheit ist zeitlos
Der Inhalt dieser Geschichte ist zeitlos. Die Namen der Männer sind
Rollen, die auch aktuell schon wieder mit Namen deutscher Ordinarien
besetzt sind. Scheinheilig wird da um gemeinsame Studien zum
Funktionsprinzip der Elektroakupunktur geworben und hintenrum
geäußert: "Lassen Sie uns erst mal die Ergebnisse haben, dann werden
wir die Hexe schon verbrennen!"
Skrupel kennen sie nicht. Bewarb sich doch die Ehefrau eines
"Verbrennungsordinarius" in der Praxis eines ganzheitlich tätigen
Kollegen um eine Assistentenstelle. Frech sind sie und feige. Sind
sie doch alle über die Fernsprechauskunft nicht erreichbar!
Anmerkung: Die Geschichte Carl Ludwig Schleichs wurde frei
nacherzählt nach dem Buch "Krebs ist heilbar, - Dr. med. Ryke Geerd
Hamer - Beispiel einer Erkenntnisunterdrückung" von Prof. Dr. Hanno
Beck, emeritierter Ordinarius für das Fach der Geschichte der
Naturwissenschaften an der Rheinischen
Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn.
Alle Herren Professoren, mit denen die Rollen der
Unterdrückungsordinarien besetzt waren, finden sich versammelt im
deutschen Brockhaus Lexikon.
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